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ich bin dann mal fort…

Ja, richtig, ich bin verreist! Gut, könnte man sagen, das ist nicht weiter ungewöhnlich. Viele Tausende Menschen tun das täglich weltweit. Da braucht man eigentlich nicht viel Wind drum zu machen. Für mich ist das allerdings schon etwas wirklich ganz ganz Besonderes. Meine letzte große Reise, so richtig weit weg in ferne Länder, liegt immerhin zehn Jahre zurück!

Denn dann kam meine Leukämie wieder, dann kauften mein Mann und ich uns ein Haus und renovierten es, dann eröffneten wir unsere Praxis und so ging das immerfort. Es war immer irgend etwas los. Weder hatte ich die Zeit, um zu verreisen, noch das nötige Kleingeld, weil es mir dank meiner doch recht finanzintensiven Projekte ein wenig abhanden gekommen war.

Da ich früher eine recht begeisterte Reisende war und schon einiges von der Welt gesehen hatte, war mein Bedürfnis danach, neue Länder und Kulturen kennenzulernen, zugegebenermaßen auch nicht allzu groß. War ich doch viel zu beschäftigt damit, mir mein Leben so einzurichten, wie es zu mir passt. Das war und bin ich mir schließlich schuldig, denn ich denke mehr denn je, dass ich nicht zweimal diesen Wahnsinn mit Krankheit und endlosen Chemos überstanden habe, um dann irgendwelche Kompromisse einzugehen. So habe ich mir also meine kleine, feine, kunterbunte Welt eingerichtet. Fast wie Pippi Langstrumpf, nur ohne Äffchen und Pferd.

Während der letzten Monate ist dann aber doch wieder Fernweh in mir aufgeflackert, immer wieder, immer heftiger. Bei jedem Gedanken an ferne Länder kamen aber ganz schnell von meiner vernünftigen Seite Argumente aus der Zeit- und der Geldecke, die sich dagegen stemmten. Ach ja, und ökologisch ist es schließlich auch nur schlecht vertretbar, mit dem Flugzeug um den Globus zu düsen. Von wegen nachhaltiges Leben, ökologischer Fußabdruck und so. Und ist es nicht zu Hause doch immer noch am schönsten?

Gleichzeitig wurde mir aber auch immer stärker bewusst, dass ich nun mal nicht jünger werde und mal hier mal da was zwickt und zwackt. Plötzlich tauchten wieder ganz viele Fragen auf: wer weiss, wie lange ich es noch rein körperlich schaffe, zu verreisen??? Wer weiss, wie lange ich die Möglichkeit dazu habe? Kann es sein, dass die Komfortzone, die ich immer weniger gern verlasse, mich träge macht? Kurzum, die Reise wurde gebucht.

Vor nicht allzu langer Zeit geschah dann noch diese Geschichte mit der Patientin in meiner Praxis. Sie kam erstmalig zu mir wegen sehr starker Schmerzen im Bereich der Brustwirbelsäule. Diese hatte drei Wochen davor plötzlich begonnen, sie war deswegen zweimal bei ihrem Hausarzt, einmal beim Orthopäden und zweimal mit der Rettung im Krankenhaus gewesen. Im wesentlichen wurde ihr jedes Mal Schmerztherapie verordnet oder verabreicht, es stellte sich aber keine Besserung ein.

Bei der Untersuchung der Patientin kam mir die Sache ziemlich eigenartig vor, und so bat ich sie, am nächsten Morgen wieder zu kommen, damit wir eine Blutuntersuchung machen konnten. Als ich das Ergebnis der Untersuchung bekam, veranlasste ich die sofortige stationäre Aufnahme zur Abklärung. Drei Tage später rief sie mich an und eröffnete mir, dass sie Lungenkrebs hätte, der bereits gestreut hat. Sie war gleich alt wie ich, Mutter zweier schulpflichtiger Kinder und ist jetzt mit ziemlicher Sicherheit schon gar nicht mehr am Leben. Und ich kann es kaum beschreiben, wie schrecklich traurig mich diese Geschichte macht!

Einmal mehr wurde mir bewusst – und diesmal war die Erkenntnis wie ein Faustschlag ins Gesicht – wie wenig selbstverständlich es ist, dass wir unser Leben hier und jetzt leben dürfen und wie zerbrechlich wir alle sind. Vor allem wir, die wir mit dieser Krankheit zu kämpfen hatten oder haben. In solchen oder ähnlichen Situationen verspüre ich immer eine wirklich tiefe Dankbarkeit für mein Dasein und nehme mir wieder aufs Neue vor, es bewusst zu genießen.

Das tue ich jetzt in vollen Zügen (während du das hier liest, genieße ich vielleicht gerade einen magischen Sonnenuntergang an einem romantischen  Strand in Sri Lanka) und ich wiederhole an dieser Stelle etwas, das ich vor kurzem auf meiner Facebook-Seite „zurück ins Leben nach Krebs“ unter dem unmittelbaren Eindruck des Ereignisses in meiner Praxis geschrieben habe:

Liebe alle, die ihr das hier lest: lasst uns jeden Tag unseres Lebens so genießen, als wäre es unser letzter! Hebt euch nichts für später auf und freut euch eures Daseins. Es ist nicht selbstverständlich!

In diesem Sinne: sonnige Grüße aus Sri Lanka!
Eure Claudia

3 thoughts on “ich bin dann mal fort…”

  1. Liebe Claudia, ich freue mich von Dir zu lesen, dass Du zur Zeit in Sri Lanka bist. Ich wünsche Dir dort eine wundervolle Zeit. Ich finde auch, dass man nichts aufschieben sollte. Durch meine Krankheit ist mir das auch erst richtig bewusst geworden, dass wir jeden einzelnen Tag genießen sollten. Ich wäre gern auch in Sri Lanka. Unsere Tochter ist zur Zeit auch in Mexiko. Ich bewundere sie dafür, dass sie dort als 20jährige ganz alleine dort hingefahren ist. Ich finde auch, dass man alles immer wieder so aufschiebt, weil man immer irgendwelche Verpflichtungen hat. Ich werde auch immer wieder versuchen meine Träume zu verwirklichen. Ganz liebe Grüße von Andrea

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  2. Liebe Claudia genieße die Zeit deines Urlaubs, ja es ist wirklich so man verschiebt vieles aus den unterschiedlichsten Günden ohne zu bedenken das man es vielleicht nie mehr kann. Ja wir sollten viel Achtsamer mit uns und anderen Umgehen denn auch das ist sehr wichtig. Liebe Grüße von Inge

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