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Was krank macht, wenn der Krebs eigentlich längst vom Tisch ist

Der Krebs ist überstanden, Kontrollen in der Klinik sind zum Glück nur noch selten nötig, alle Werte im grünen Bereich. Und doch fühlt es sich nicht so an, als wäre wirklich alles in Ordnung. Beruhigende Worte von Ärzten und Freunden tun zwar gut, wenn es mit dem rundum Wohlfühlen aber einfach nicht klappen will, fühlen sich Betroffene zu allem Überfluss auch noch unverstanden.

Hast du dich schon mal gefragt, was das ist, das dich ausbremst auf deinem Weg zurück ins Leben? Was da nicht in Ordnung ist in deinem Körper, der doch jetzt wieder „ganz normal“ ist? Denn auch wenn die Untersuchungsergebnisse etwas anderes sagen, DU hast das Gefühl, etwas stimmt nicht. DU fühlst dich nicht wohl und fragst dich, ob du irgend etwas tun kannst, ob es ein Mittel dagegen gibt? Ja, das gibt es. Aber dazu später.

Der Unterschied zwischen einem gesunden Körper, in dem man sich wohl fühlt und einem, der eine schwere Krankheit durchlebt hat, ist mit einem Wort auf den Punkt gebracht und heisst STRESS.

Krebs macht Stress und Stress macht krank. Und bevor der Stress uns krank macht, sorgt er erstmal dafür, dass wir uns richtig mies fühlen.

Aber was, um Himmels Willen macht uns denn bloß solchen Stress nach dem Krebs? Nun, da gibt es leider eine ganze Reihe von Möglichkeiten, denn das, was man „Stressoren“ nennt, also die Dinge, die uns stressen, sind ganz schön kreativ. Unsere Psyche können beispielsweise gut getarnte Ängste aus dem Hinterhalt angreifen. Etwa die Angst davor, dass der Krebs wieder kommen und sich ausbreiten oder ein neuer Krebs entstehen könnte, die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes und damit der finanziellen Sicherheit, weil man nicht mehr so leistungsfähig und belastbar ist wie früher und und und. Auch andere soziale Sorgen machen uns zu schaffen, etwa dass wir niemandem zur Last fallen möchten und uns mitunter das Verhalten von Menschen in unserem Umfeld in Bezug auf die Krankheit kränkt.

Stressauslöser gibt es nach dem Krebs aber auch auf rein körperlicher Ebene, und zwar sind das in erster Linie die Folgeschäden der Behandlungen. Operationsnarben und -wunden, Haut- und Schleimhautentzündungen nach Bestrahlungen, Störungen des Geschmacksempfindens nach Chemotherapie, Missempfindungen an Händen und Füßen, Polyneuropathie, Hitzewallungen – um nur die Highlights herauszugreifen…

Stress in Körper, Psyche und Umfeld

Neben den relativ offensichtlichen Schäden durch die Krebsbehandlung sind aber auch im Verborgenen viele Dinge aus dem Gleichgewicht geraten. Die Regeneration von geschädigtem Gewebe gelingt hier und dort nur mangelhaft, auch andere kleine Problemchen können nicht so gut repariert werden wie früher. So laufen im Körper an vielen Stellen klitzekleine Entzündungen ab, die jede für sich keine Beschwerden macht, aber allesamt gemeinsam eine riesige Last für das System darstellen.

Der Stress nach Krebs setzt sich also aus ganz vielen kleinen, sehr unterschiedlichen Faktoren zusammen und wächst letztlich zu einem riesigen Klotz am Bein heran. Einem Klotz, der uns als ehemaligen KrebspatientInnen so eigentlich nicht zusteht. Denn Stress ist schließlich nur etwas für Top-Manager oder zumindest hat er was mit Arbeit zu tun und nicht damit, dass man erfolgreich gegen Krebs behandelt worden ist. Ein Dilemma also.

Dass es diesen Stress nach einer Krebserkrankung dennoch gibt, wurde inzwischen in zahlreichen Studien eindeutig nachgewiesen und sollte eigentlich für die behandelnden Ärzte eine selbstverständliche Tatsache sein, die wahrgenommen, respektiert und gegebenenfalls behandelt werden sollte. Doch genau das ist in der Realität meist überhaupt nicht der Fall ist. Was ich nicht nur als Patientin in der onkologischen Nachbetreuung am eigenen Leib erfahren musste, sondern mir kürzlich auch als Ärztin bei einer Tagung zum Thema integrative Onkologie einmal mehr bewusst wurde. Bei all den hochinteressanten Vorträgen fiel mir nämlich deutlich auf, dass seitens der medizinischen Fachkreise der Patientengruppe der „Survivor“ so gut wie keine Aufmerksamkeit zukommt. Krebserkrankungen werden behandelt und nach Möglichkeit geheilt. Wenn sich die Menschen danach nicht so recht wohlfühlen, dann fühlt sich von den ärztlichen Kollegen dafür niemand so recht zuständig. Zum Glück können wir als Betroffene unser Wohlbefinden aber auch selbst in die Hand nehmen!

Steuerzentrale vegetatives Nervensystem

Ob du gestresst bist oder dich wohl fühlst, entscheidet dein vegetatives Nervensystem. Diese Kommandozentrale steuert alle autonomen Funktionen deines Körpers, also alles, auf das du mit deinem bewussten Denken und Wollen keine direkten Zugriff hast. Zum Beispiel Verdauung, Blutdruck oder Schweissausbrüche. Dieses ungeheuer komplexe Regel- und Steuerungswunderwerk besteht im wesentlichen aus zwei Hauptkomponenten, die als Gegenspieler für ein ausgewogenes Funktionieren des Organismus unter sich ständig ändernden Bedingungen sorgen. Der Sympathikus als aktivierender Teil, der uns ermöglicht, Höchstleistungen zu vollbringen und dafür auch mal Reserven des Körpers mobilisiert. Für Ruhe und Regeneration ist der Parasympatikus oder Vagus, wie er auch genannt wird, verantwortlich.

Bei Stress nach Krebs ist der Sympathikus im Dauereinsatz, die fehlenden Regenerationsphasen lassen die Energiereserven des Körpers leer laufen, Folgen davon sind Energielosigkeit, Schlafstörungen und Depressionen bis hin zur völligen Erschöpfung. Untersuchungen haben gezeigt, dass KrebspatientInnen mit starker Stressbelastung (die man anhand von Messungen des Stresshormons Cortisol im Blut nachweisen kann) nicht nur eine schlechtere Lebensqualität haben, sondern auch ein höheres Risiko für ein Rezidiv beziehungsweise kürzere Überlebenszeiten bei bereits metastasierten Krebserkrankungen.

Entspannung? Wie geht das?

Was also kann man tun, um der Sympathikus-Falle zu entgehen? Das Zauberwort heisst Entspannung. So einfach das klingen mag, in die Tat umzusetzen ist das schon wirklich schwer. Oder kannst du dich auf Knopfdruck entspannen? Technisch ausgedrückt bedeutet Entspannung, vom aktivierenden Sympathikus auf das parasympathische Nervensystem umzuschalten. Aber wo bitte ist der Knopf???

Wie schon gesagt ist das vegetative Nervensystem autonom, also vor unserem aktiven Zugriff sicher. Was auch gut so ist, denn sonst würden wir den ganzen lieben Tag lang eine Menge damit zu tun haben, alle Vorgänge in unserem Körper reibungslos aufrecht zu erhalten. Mit einer Ausnahme. Die Atmung ist die einzige Körperfunktion, die zwar vom Vegetativum gesteuert wird (wenn du Treppen hochsteigst, musst du deiner Lunge nicht sagen, dass sie mehr Sauerstoff heranschaffen soll, du beginnst automatisch zu schnaufen), aber gleichzeitig auch willentlich beeinflusst werden kann. Du kannst zum Beispiel absichtlich die Luft anhalten.

Diese Schlüsselposition zwischen unserer unbewussten Körpersteuerung und dem bewussten Denken macht den Atem zu unserem wichtigsten Verbündeten, wenn wir unseren Bewusstseinszustand verändern und damit unser Wohlbefinden wieder herstellen wollen. Natürlich ist es auch gut möglich, sich zu entspannen, wenn man ein gutes Buch zur Hand nimmt, es sich auf der Couch gemütlich macht und eine Tasse Tee trinkt. Aber oft ist das zu wenig, weil der Stress zu tief sitzt und die Entspannung gar nicht so weit durchdringt.

Einmal tief durchatmen…

Die Arbeit mit dem Atem ist daher seit jeher eine zentrale Technik sowohl in der Meditation als auch im Yoga und – was soll ich sagen – ist wirklich unglaublich entspannend. Diese Erfahrung habe ich selbst auch gemacht. Und sie hat mich so beeindruckt, dass ich ein Buch darüber geschrieben habe. Dieser Tage kommt  „Yoga zurück ins Leben“ in die Buchhandlungen. Es beschreibt, wie Yoga bei Krebs helfen kann und enthält einen umfangreichen Übungsteil.

Weil die Erfahrung am eigenen Leib allemal überzeugender ist als viele Worte, habe ich dieses kleine Video für dich zusammengestellt mit einer Atemmeditation, die nur eine Minute dauert. Wenn du sie mit voller Konzentration und Hingabe ausführst, wirst du sehen, dass selbst nach so kurzer Zeit ein Effekt zu spüren ist. Du darfst sie natürlich auch länger genießen…

Ich wünsche dir viel Freude und gute Entspannung!

4 thoughts on “Was krank macht, wenn der Krebs eigentlich längst vom Tisch ist”

  1. Ein perfekter artikel.herzlichen dank! Ich konnte mich da sofort wiederwrkennen,und habe nach 15 jahren endlich mal eine antwort einen ansatz zum nachdenken.man ist damit allein.

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    1. Als ich deinen Kommentar las, liebe Simone, dachte ich mir: es ist unglaublich, wie viele Menschen da draußen ganz ähnliches erleben und wie wenig das wahrgenommen wird. Das bestärkt mich darin, dieses Thema wieder und wieder zu behandeln und Hilfestellungen und Tipps zu geben, wie man mit alldem besser fertig werden kann. Ich hoffe, dass auch für dich etwas dabei ist, was dir vielleicht die ein oder andere Anregung gibt, was du selbst dafür tun kannst, damit es dir wieder besser geht. Herzlichen Dank für deinen Kommentar, er hat mich zutiefst berührt. Ich wünsche dir von Herzen alles Gute!
      Claudia Mainau

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  2. Herzlichen Dank für diesen Beitrag.Auch ich fand mich sofort wieder bin an Brustkrebs erkrankt und glaubte den Weg schaffst du nie. Volles Programm Chemotherapie Op Bestrahlung. Nach über 2jahren kämpfe ich immer noch mit den Nebenwirkungen und komme kaum wieder auf die Füße. Nichts ist mehr so wie es mal war.
    Ich versuche alles das zu tun was mir gut.manchmal gelingt es uns manche Tage würde ich mich einfach nur verkriechen. Dank meiner Medikamente und meines Mannes kann ich den Alltag bewältigen. Jeder Tag ist anders.
    Ich wünsche allen Betroffenen alles Gute und viel Kraft für die Zukunft.
    Mit herzlichen Grüßen

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    1. Liebe Conny, danke für Ihren Kommentar, der leider einmal mehr zeigt, wie „normal“ es ist, sich nach dem Krebs nicht mehr normal zu fühlen. Nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen und finden Sie heraus, wo/was Ihre ganz persönliche Kraftquelle ist. Alles Gute für Ihren weiteren Weg!

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